Monika Meiser
  

Kontraste und Schwingungen

Friedegund Weidemann

Es war ein gewagter Schritt, den die damals vierzigjährige Mathematikerin Monika Meiser unternahm, als sie ihr gesichertes Berufsleben mit der unsicheren Existenz einer freien Künstlerin vertauschte. Heute bestätigt das hier anlässlich ihres 70. Geburtstages gezeigte brillante Ergebnis die Richtigkeit dieser mutigen Entscheidung. Monika Meiser entwickelte sich in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einer wichtigen Vertreterin der zeitgenössischen Berliner Malerei.
Der Berufsausstieg bedeutet natürlich einen Bruch. Sie beginnt noch während ihrer Berufstätigkeit mit Fotografien und Radierungen nach Fotos, in denen sie mit Akribie der Tristesse des Verfalls Berliner Gründerzeitarchitektur nachspürt. Zeichnungen vor der Landschaft, auf der Straße, in Parks und Kneipen und im Atelier, in lockeren Linien festgehaltene Beobachtungen und Eindrücke, befreien die Handschrift und bilden einen Fundus an Anregungen, aus dem sie später schöpft. Den kleinformatigen Schwarz-Weiß-Radierungen und Siebdrucken folgen Anfang der neunziger Jahre Farbradierungen, die im freien Assoziieren mit organischen und konstruktiven Formen zunehmend zur Abstraktion tendieren. Im Experiment mit dem Tonreichtum der Aquatinta- Radierung entfaltet sich ihre ausgesprochen malerische Begabung. Doch erst als mit der Aquarellmalerei die Farbe als wichtiger Stimmungsträger hinzu tritt, findet Monika Meiser zu der ihr eigenen Bildsprache.
Meisers großes Thema ist der Naturkosmos in seinen bewegten und atmosphärischen Elementarzuständen. Bewegung meint im umfassenden Sinne die lebhafte Natur ebenso wie die seelische Erregung der Künstlerin und die sie gestaltende Interaktion der Farbe. Jedoch Bewegung in Zeit und Raum in die zweidimensionale Bildfläche zu bannen, bedeutet für die Künstlerin Beschränkung auf solche Momente und Zustände, die einen Verlauf oder eine Aktion andeuten können. Die Gestaltung scheint zwar ganz und gar aus der Empfindung zu kommen. Aber dieser Eindruck täuscht. Monika Meisers Bildwelt, wie wir sie jetzt sehen, entsteht in der Vorstellung. Ein langwieriger, rationaler Prozess der Verdichtung und Abstraktion führt letztendlich zu einer Angleichung bzw. Annäherung der Darstellung an das Bild ihrer Vorstellung. Die Künstlerin reduziert die Anschauungsform so auf ihren Kern, dass ein neues, zum Zeichen stilisiertes Kunstgebilde ersteht, das seinerseits vegetative oder atmosphärische Naturformen assoziiert. Gleichwertig existiert das organische neben dem konstruktiven Gefüge, die Linie neben der Fläche, dem Punkt oder Fleck. In diesen streng gebauten oder gestisch schwungvollen und kreisenden Kompositionen symbolisiert sich das Werden und Vergehen allen Daseins.
Der Farbe fällt dabei die alles entscheidende Rolle als Ausdrucksträger zu. Sie gerät selbst in Bewegung, agiert miteinander und gegeneinander. Der Eindruck tiefer, verdichteter oder seidig transparenter Räumlichkeit innerhalb des strengen Flächenraumes erwächst ganz und gar aus ihrer Konsistenz und Textur. Monika Meiser rührt sie deshalb eigenhändig aus Pigmenten an und trägt sie in mehreren Schichten mit unterschiedlich breiten Pinseln übereinander und nebeneinander auf: mal spielerisch leicht und in große Schwünge gewischt, mal dicht und kraftvoll geschichtet, konzentrisch zu Spiralen kreisend oder locker getupft, je nach Verfassung und Gefühl der Künstlerin in der vielschichtigen Gegenwart. Gerade in den letzten zehn Jahren hat sich der Grundton ihrer Palette von einem früher eher zart-lyrischen zu einem symphonisch kraftvollen Klang entwickelt, der nun auch das große Format beherrscht. Kühle blaue und frische grüne Töne stehen warmen, ins rot und orange spielenden gegenüber oder es wirbeln nach violett und rosa gebrochene Pastelltöne hinein in blaue und leuchtend gelbe Flächen. Das magische Sehnsuchtsblau, zu flammendem Rot gesetzt, bildet einen ganz besonderen Akkord in dieser Harmonie. Die Künstlerin spielt facettenreich auf ihrer Skala: sie setzt die Töne gleichermaßen kontrastreich gegeneinander wie sie sie fein gestuft zueinander in Beziehung treten lässt, immer um eine nuancierte Ausgewogenheit der Tonwerte bestrebt.
Auch die Collagen der letzten Jahre folgen diesem gestalterischen Prinzip. Nur bestimmt hier das Material die Konsistenz der Formen, die aus farbigem Papier, unfertigen Arbeiten und Alltagspapieren gerissen oder geschnitten werden und mit seidenfeinen Schleiern oder schweren Schichten über- oder untermalt werden.
Während des Malprozesses entsteht so ein eigenes „Universum parallel zur Natur“. Farben und Formen überlagern und durchdringen sich zu rhythmischen Kompositionen, in denen das Leichte und das Schwere, die Unruhe und die Ruhe, das Geschlossene und das Offene in Balance gehalten sind. Diesen Schwebezustand unterstützt die intensiv agierende Farbe. Aus der Spannung zwischen allen kompositorischen Elementen entsteht die eigenartige Ausdruckskraft der Meiserschen Bildsprache. Löste vor Jahren noch das emotionale Erlebnis den Schaffensimpuls aus, so geht Meiser in ihren neueren Arbeiten von der Form aus und arbeitet ihre innere Vision eines naturhaften Bildes - erst intuitiv, dann mehr und mehr rational – zum Gegenstand ihrer Vorstellung hin. Um im Besonderen ein Allgemeines zu fassen, treibt sie diesen Konzentrationsprozess nun bis zur vollkommenen Abstraktion, in der dieses Vorstellungsbild seine zeitlose Gültigkeit in einer visualisierten Gedankenwelt parallel zur Natur erfährt. Intuition und Abstraktion, Zufall und Vorausberechnung setzt die Künstlerin ein, am Ende manches Mal selber von ihren frei zu Motiven aus Flora und Fauna assoziierenden Erfindungen überrascht. In ihrer eigenwillig poetischen Sprache entwirft die Malerin vor uns die Atmosphäre einen phantastischen Naturkosmoses, wie wir ihn so noch nicht gesehen haben. Dieses Universum in seiner beschwingten Gelöstheit oder seiner erdhaften Schwere, umhüllt von einem feinen Schleier der Melancholie, verbildlicht das Leben schlechthin in seinen ruhelosen Zuständen.
Mit der Schönheit ihrer sublimen Bildlandschaften leistet Monika Meiser einen unverzichtbaren Beitrag zu einer noblen Berliner Malkultur der Gegenwart. Friedegund Weidemann

Text im Katalog "Kontraste und Schwingungen", Berlin 2016